Eine Rose gegen Gewalt –

Dieser Artikel erschien im unerzogen-Magazin 2/17 (April 2017)

 

Stärke, Schönheit und Fragilität werdender Mütter

 

 

 

Interview mit Mascha Grieschat

 

Nicht jede natürliche Geburt muss zwangsläufig eine Hausgeburt sein. Einer beglückenden Geburt steht theoretisch auch im Krankenhaus nichts im Wege. Mit Feingefühl, Wissen, Vertrauen und den nötigen strukturellen Freiräumen könnte auch in diesem künstlichen Rahmen eine achtsame Geburt stattfinden. Die Realität sieht weltweit derzeit dramatisch anders aus. Gewalt vor, während und nach der Geburt stehen an der Tagesordnung. Auch in Deutschland  

 

 

 

 

 

 

Mascha Grieschat Doula, Mutter und Betroffene engagiert sich für eine bessere Geburtshilfe in Deutschland. Mit ihrer Initiative „Gerechte Geburt“ und der Koordination des Projekts „Roses Revolution“ setzt sie ein starkes Zeichen für Veränderung.

 

Seit Ihrem eigenen „gewaltvollen“ Geburts-Erlebnis haben Sie es sich zur Aufgabe gemacht, die derzeitige Situation in der Geburtshilfe in Deutschland zu verändern. Möchten Sie ihr persönliches Erlebnis schildern?

Danke für diese erste Frage, die es wirklich in sich hat. Es fällt mir nicht leicht, sie zu beantworten; dennoch möchte ich es tun, weil es mir wichtig erscheint zu definieren, was denn überhaupt „Gewalt in der Geburtshilfe“ ist. In der Öffentlichkeit herrscht noch viel zu wenig Bewusstheit darüber, dass „Gewalt in der Geburtshilfe“ tatsächlich existiert. Durch „Darüber-Reden“ kann eine Sensibilisierung stattfinden. Gleichzeitig möchte ich betonen: Keine betroffene Frau muss ihre Geschichte schildern, nur um Beweise und Rechtfertigung zu liefern!
Was ich persönlich erinnere, sind viele Bilder, Geräusche, Gerüche, Gefühle, vor allem Todesangst; aber ich weiß zum Beispiel nicht mehr genau, wie viele Menschen mir in meine Vagina fassten, wie oft ich „Nein!“ und „Hilfe!“ schrie. Letztlich habe ich mich ohnmächtig ergeben. Es war definitiv das Schlimmste, was ich je erlebt bzw. überlebt habe. Die Geburt meines Sohnes beinhaltete Entmündigung, Erniedrigung, übergriffige Ärzte, brüllende Rettungssanitäter, mangelnde Hebammenbetreuung, fehlende Menschlichkeit, Respektlosigkeit, verbale Entgleisungen à la „Müssen Sie schon in die Tischkante beißen?“, „Guck dich mal an, Mädchen, du bist fertig“ oder „Nein, Sie bekommen nichts zu trinken; Sie bekommen einen Tropf“. Und schließlich einen Not-Kaiserschnitt gegen meinen Willen in Vollnarkose (was man mir nicht einmal mitteilte), dessen tatsächliche Notwendigkeit ich bis heute bezweifle. Was mir angetan wurde, hat mich für immer verändert. Gravierend außerdem: der Mangel an guten und schnellen Hilfemöglichkeiten nach der Geburt, fehlende Entschuldigung und Entschädigung, mangelnde Akzeptanz, die stattgefundene Gewalt anzuerkennen. „Dumm gelaufen, aber freuen Sie sich an ihrem Kind“ – das waren Standardsätze, auch von medizinischem Fachpersonal.

 

 

 

Sie haben daraufhin 2013 die Initiative „Gerechte Geburt“ gegründet. Was ist darunter zu verstehen? Und: Wie können Sie damit zu einer Verbesserung der Geburtssituation beitragen?

 

 

Auf der Suche nach Hilfemöglichkeiten nach traumatischen Geburtserlebnissen fand ich 2011 fast nichts. Die Angebote beschränkten sich auf Einzelgespräche mit Psychotherapeuten. Wobei die „Therapie“ meist in Medikamentengabe zur „Stabilisierung“ bestand. Die wenigen alternativen Angebote waren allesamt privat zu zahlen! Das wollte ich ändern. Wichtiger Teil meines Heilungswegs war es, andere Frauen, Kinder und Familien vor einer solchen Erfahrung zu schützen. Ich wollte, ja musste, nachhaltig die Geburtskultur in Deutschland verändern. Ich las meterweise Fachliteratur, um Antworten zu bekommen. Es war erschreckend: Die Behandlung, die mir und meinem Sohn zuteilgeworden war, war das Gegenteil von dem, was Forschungsergebnisse zeigen und Leitlinien in der Geburtshilfe seit Jahrzehnten (!) vorgeben. Das heißt: In der Theorie ist das Wissen, wie gute Geburtshilfe abläuft, in vielen Bereichen vorhanden, in der Praxis dagegen hapert es. Größtenteils strukturell bedingt (Personalschlüssel, faire Versicherung und Bezahlung). Geburtshilfe muss insgesamt gerechter werden – für alle Beteiligten: die Mutter, den Vater, das medizinische Personal, das Ungeborene. Ich gründete die Initiative also vorrangig als Informationsplattform, zum Austausch und zur Projekt-Beteiligung. Außerdem machte ich die  Ausbildung zur Doula. Ich wollte einerseits Schwangere, andererseits medizinisches Personal und Hebammen sowie Politiker erreichen und aufklären. Damit Gewalt in der Geburtshilfe gar nicht erst passiert. Denn eine gerechte Geburt ist gewaltfrei, respekt- und würdevoll. Gerecht – das ist ein ehrliches und erreichbares Ziel! Ich kann keiner Schwangeren versprechen, dass sie eine schöne, komplikationsfreie und natürliche Geburt haben wird. Aber ich kann alles dafür tun, dass sie gut und gerecht behandelt wird, sodass sie ihr Leben lang mit einem Gefühl von Zufriedenheit auf die Geburt zurückblicken kann.

 

 

 

Beim Thema „Gewalt“ scheiden sich die Geister. Es erhitzt die Gemüter. Und zeigt einerseits, wie sensibel mit dem Thema umzugehen ist, andererseits auch, wie unterschiedlich die Auffassungen von Gewalt und Toleranzgrenzen diesbezüglich sind. Was ist in Ihren Augen Gewalt an schwangeren und gebärenden Frauen?

 

 

Durch die fehlende Beachtung der individuellen Bedürfnisse, durch physische, psychische oder verbale Gewalt erleben Frauen und ihre (ungeborenen) Kinder ungerechte Geburten. Dabei ist alles, was die Schwangere oder gebärende Frau als Gewalt empfindet, Gewalt. Mir ist wichtig zu betonen, dass Geburt an sich in jeder Hinsicht ein ‚gewaltiges‘ – sprich mächtiges – Erlebnis ist; doch ist damit gewiss nicht die Respektlosigkeit gemeint, die täglich in der Geburtshilfe passiert. Anschreien, Erniedrigen, Erpressen etc. sind auf psychischer Ebene sehr grausam, genauso wie körperliche Gewalt (Interventionen, unnötig schmerzhafte Untersuchungen, Festhalten, Schlagen). Hand in Hand gehend mit fehlender Aufklärung und Einwilligung der Gebärenden.

 

 

 

Getrost kann man Sie als Expertin bezeichnen, was Gewalterfahrungen in der Geburtshilfe betrifft. Welche sind die häufigsten Gewaltformen, die werdenden Müttern zuteilwerden?

 

 

Am häufigsten passiert wohl Entmündigung; gepaart mit nicht vorhandener Aufklärung und Eingriffen, denen die Frau nicht zugestimmt hat. In keinem anderen medizinischen Bereich ist eine derartige würde- und respektlose Behandlung denkbar. Stellen Sie sich zum Beispiel vor: Sie gehen zum Zahnarzt, wo Ihnen – ohne Vorwarnung – zwei Backenzähne gezogen werden. Mit der Begründung: „Das hat Ihr Leben gerettet; eine Blutvergiftung drohte.“ Tja, dann handelte es sich eindeutig um Körperverletzung, denn: Vielleicht hätten Sie lieber ein Antibiotikum genommen oder zumindest gewusst, was gerade mit Ihnen und Ihrem Körper geschieht. Meiner Meinung nach findet in den deutschen Kreißsälen eine routinierte Patientinnen-Rechtsverletzung statt – stets unter dem Deckmantel, das Kind zu retten. Dabei sind echte Notfälle sehr selten und in den meisten Fällen durch Interventionskaskaden krankenhausgemacht.

 

 

 

Warum ist es also sinnvoll, das Thema „Gewalt rund um die Geburt“ nicht länger zu tabuisieren, sondern öffentlich zu machen, zu thematisieren? Welche Auswirkungen kann eine Gewalterfahrung unter der Geburt für Frau und Kind haben?

 

 

In Schweden hat man bereits 2002 festgestellt, dass Frauen nach negativen Geburtserlebnissen weniger oder erst später Kinder zur Welt bringen. Ich bin überzeugt, dass sich die Tabuisierung ein Leben lang auf die Beziehung zum Kind auswirkt sowie auch auf die Beziehungen zu Partner und Familie Einfluss nimmt. Die Folgen müssten noch viel mehr erforscht werden – wie es die WHO (Weltgesundheitsorganisation) seit 2015 fordert. Leider ignoriert dies die deutsche Gesundheitspolitik. Die jüngst veröffentlichten „Nationalen Gesundheitsziele: Gesundheit rund um die Geburt" vergeben hier die wichtige Chance, folgendes Ziel zu formulieren: „Eine gewaltfreie, würde- und respektvolle Geburt wird ermöglicht.“

 

Um Frauen und Kinder zu schützen, ist es wichtig, das Thema weiter öffentlich zu machen. Die Aktion „Roses Revolution“ fordert zum Beispiel (auch im Logo): „Name it!“. Wir müssen das Schweigen brechen und die Gewalt beim Namen nennen. Nur so kann sich etwas verändern; nur so erhalten Krankenhäuser die Möglichkeit, Lösungswege und Präventionsmaßnahmen zu entwickeln; nur so kann sich jede einzelne Hebamme fragen: Was kann ich aktiv für eine würde- und respektvolle Geburt tun? Die Auswirkungen einer positiven Begleitung ins Leben sind enorm.

 

 

 

Die eben erwähnte, weltweite Aktion „Roses Revolution“ wird in Deutschland von Ihnen gemeinsam mit drei weiteren Frauen ehrenamtlich koordiniert und geführt. Können Sie ein paar persönliche Worte zu dieser Initiative finden?

 

 

Wenn Frauen durch die Beteiligung der „Roses Revolution“ wieder ein Stück zu sich selbst finden und den Mut aufbringen, eine Rose vor dem Kreißsaal, in dem sie Gewalt erlebt haben, niederzulegen und einen Brief zu schreiben, um das Erlebte zu betrauern … dann ist schon ein großer Schritt in Richtung „Heilung“ getan. Als deutsches Team der „Roses Revolution“ bekommen wir immer wieder Rückmeldungen, dass Frauen sich wieder trauen, erneut schwanger zu werden. Dank des heilenden Austauschs mit anderen Betroffenen. Viele Mütter berichten, dass sie nach aktiver Teilnahme an der Aktion endlich ehrliche Freude über ihr Kind empfinden können; dass sie endlich akzeptieren können, dass der Weg zur Innigkeit schwierig war; dass sie von der erlebten Gewalt wie betäubt waren. Die „Roses Revolution“ gibt den Betroffenen eine Stimme, um auszusprechen, was ihnen angetan wurde. Allein unsere Dokumentation der Briefe von 2016 zeigt, dass in über 22 Prozent aller deutschen Kliniken nachweislich Gewalt in der Geburtshilfe ausgeübt wurde. Wir können also nicht von traurigen Einzelfällen sprechen.

 

Wir sind ein starkes Team, kommen aber – was Ressourcen betrifft – oft an unsere Grenzen. Wir wünschen uns dringend finanzielle, institutionelle und personelle Unterstützung seitens des Gesundheits- und Familienministeriums; bisher wurden allerdings sämtliche Förder- und Unterstützungsgesuche abgelehnt. Derzeit warten wir noch auf eine Stellungnahme.

 

 

 

Wie ist die Resonanz auf die „Roses Revolution“? Gibt es Beteiligung „nur“ seitens betroffener Frauen oder findet die Aktion auch in Krankenhäusern, unter Ärzten und Hebammen sowie in der politischen Diskussion Gehör?

 

 

Zunehmend positiv wird die Aktion von Hebammenverbänden aufgenommen. Viele Hebammen kennen die Problematik der Traumatisierung aus ihrer Ausbildungszeit, sind co-traumatisiert und flüchten sich in die Wochenbettbetreuung. Wenige Rückmeldungen gibt es von Kliniken, einige davon jedoch positiv und engagiert. Allerdings gibt es auch Kliniken, welche betroffenen Frauen ein Hausverbot auferlegen, weil sie eine Rose und einen Brief niedergelegt haben.

 

Ehrlich gesagt bin ich verärgert über die fehlende Kooperation des deutschen Gesundheitsministers. Seit Jahren suche ich Kontakt zum Ministerium. Wieder und wieder wird von „Einzelfällen“ gesprochen. Meist werden wir mit Standard-Briefen in Bezug auf die Lösung der Hebammen-Haftpflichtproblematik abgespeist. Es geht aber um die traumatisierten Frauen und Familien! Hier kann „Roses Revolution“ endlich die nötige Plattform schaffen.

 

 

 

Die Zeitgeschichte hat gezeigt, welche Kraft in einer friedlichen Revolution steckt. Auch die „Roses Revolution“ ist als friedenstiftende Aktion angelegt: nicht verurteilen, sondern aufzeigen, hellhörig machen, verbinden. Können Sie in der aktuellen Geburtshilfe in Deutschland einen sanften „Wind of Change“ spüren?

 

 

Oh ja, gewiss! Es gibt ein paar vorbildliche Kliniken, die durch verbesserte Betreuung die Zufriedenheit der Mütter steigern und zum Beispiel ihre Kaiserschnittraten deutlich senken konnten. Immer mehr Kliniken weltweit setzen die von der IMBCI (International MotherBaby Childbirth Initiative) entwickelten „10 Schritte zum optimalen MutterBaby Geburtsservice“ um. Dies muss allerdings noch deutlich mehr werden. Der erste – eigentlich selbstverständliche – Schritt hierzu lautet: „Jede Frau muss mit Respekt behandelt und in ihrer Würde geschützt werden.“ Das „Netzwerk der Elterninitiativen für Geburtskultur“ bildet hierfür einen zukunftsweisenden Zusammenschluss. In einer Arbeitsgruppe haben wir „Wahl-Prüfsteine“ für die Bundestagswahl 2017 erstellt, welche spezielle Fragestellungen zum Thema „Gewalt in der Geburtshilfe“ beinhalten. Alle großen Parteien sind aufgefordert, sie zu beantworten. Ich persönlich möchte den „Wind of Change“ in den einzelnen Wahlprogrammen und auch konkret in der politischen Umsetzung sehen …

 

 

 

Was können und möchten Sie Frauen, die sich mit ihrem Geburtserlebnis gewaltvoll belastet fühlen, mit auf den Weg geben? Was wünschen Sie sich persönlich?

 

 

Allen betroffenen Frauen möchte ich sagen: „Es tut mir leid, dass wir – also Aktivisten, Gesellschaft und Fachpersonal – Sie noch nicht besser schützen konnten. Das hätte nicht passieren dürfen. Aber verzeihen Sie sich auch selbst; Sie, Ihr Baby oder Partner tragen keine Schuld an den Geschehnissen. Sie haben Ihr Bestes gegeben; da bin ich mir sicher. Es ist in Ordnung, die gewaltvollen Umstände der Geburt zu bereuen, wütend zu sein, das fehlende schöne Geburtserlebnis zu betrauern. Tauschen Sie sich mit anderen Betroffenen aus; das hilft sehr.“

 

Ich selbst habe fünf Jahre gebraucht, um mir selbst zu verzeihen, dass ich mein Baby und mich in diese Situation gebracht habe und mich nicht gegen die Übergriffigkeit und Gewalt wehren konnte. Jetzt trage ich voller Zuversicht wieder ein Kind unter meinem Herzen. Ich wünsche mir natürlich eine gute, gerechte Geburt für uns. Ich wünsche mir außerdem, dass die Zahl der schlimmen Geburtsgeschichten bei der „Roses Revolution“ jedes Jahr sinkt, dagegen jene der heilsamen Berichte steigt. Für eine gerechte und würdevolle Geburtshilfe in Deutschland und der ganzen Welt …

 

 

 

Danke, Frau Grieschat. Für das Gespräch. Und für Ihr unermüdliches, „gewaltiges“  Engagement!

 

 

 

Das Interview führte für das unerzogen-Magazin Mag. Susanne Sommer:
www.textbewegungen.at

 

 

 

Mehr über Mascha Grieschat und die „Roses Revolution“:
http://www.gerechte-geburt.de

 

https://www.facebook.com/RosesRevolutionDeutschland

 

http://www.rosesrevolution.com

 

http://www.humanrightsinchildbirth.com

 

http://www.netzwerk-geburtskultur.de

 

http://imbco.weebly.com

 

 

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