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Zu früh dran –

Wenn das Leben überraschend schnell beginnt

Dieser Artikel erschien im Magazin "unerzogen" Ausgabe 4/2018...

 

Aktuell kommt jedes zehnte Kind zu früh auf die Welt. Die Gründe sind vielfältig. Die Folgen auch. Definitiv lässt sich aber sagen: Die vorschnelle Ankunft hat Auswirkungen. Auf Kind und Eltern …

 

 

So wie die Kaiserschnittraten in den vergangenen Jahren in den Industrieländern immer weiter gestiegen sind, so sind auch steigende Frühgeburtenraten zu verzeichnen. Allein in Deutschland werden jedes Jahr etwa 60.000 Kinder zu früh geboren. Davon haben etwa 6.000 ein Geburtsgewicht von unter 1.500 Gramm und benötigen ab ihrem ersten Lebenstag hochspezialisierte Versorgung. In den vergangenen zehn Jahren stieg die Frühgeburtenrate in den westlichen Ländern sogar weiter an.

 

Als „Frühchen“ werden Kinder bezeichnet, die vor Ablauf der 37. Schwangerschaftswoche geboren werden. Heute können sogar Kinder überleben, die nach 24 Entwicklungswochen geboren und unter 1.000 Gramm Körpergewicht haben. Die Intensivmedizin schafft es, immer kleinere, unreifere Menschen am Leben zu erhalten. Doch bezahlen diese dafür einen Preis? Was genau bedeutet „überleben“? Ist es genug, die heikle Phase nach Verlassen des Mutterleibs zu überstehen? Reicht es, dass in weiterer Folge keine organischen Schäden diagnostiziert werden? Wie geht es diesen „im Kampf mit dem Tod“ geborenen Menschen? Wie entwickeln sie sich? Ursprünglich völlig vernachlässigt, gibt es heute zahlreiche Studien und immer neuere Erkenntnisse über die Auswirkungen auf Seele und Verhalten frühgeborener Kinder.

 

 

 

Und sie fechten einen schweren Kampf …

 

Auch wenn sich nichts verallgemeinern lässt: „Späte Frühchen“ haben gewiss bessere Entwicklungsbedingungen als „frühe Frühchen“. Jede Woche, ja jeder Tag im Mutterleib ist von entscheidender Bedeutung. Im Mutterleib finden zum Beispiel im Gehirn wertvolle und wichtige Differenzierungsprozesse statt, die extrauterin in dieser Art und Weise nicht möglich sind. Frühchen müssen diesen heilen Schutzort frühzeitig aufgeben. Die Psychoanalytikerin Agathe Israel schreibt in ihrem einfühlsamen Buch „Früh in der Welt“: „Das Leben der Frühgeborenen begann mit einem Riss, besser gesagt Abriss, der nie wieder gänzlich zu reparieren ist, der ihre Person prägt. Mit der Geburt verlässt jedes Kind das mütterliche Kontinuum und muss von nun an die inneren und äußeren Diskontinuitäten meistern und Anderen mitteilen: einatmen – ausatmen, hungrig sein – saugen – satt sein, alleine sein – beisammen sein, Wärme – Kälte usw. Aber Frühgeborene haben das Kontinuum der mütterlichen Welt zu früh verloren und sind trotz aller Fürsorge weitestgehend auf sich allein gestellt. […] Wir können die katastrophischen Zustände, in die sie das Versagen ihres Körpers führt, die Todesängste, die aus dem unerbittlichen Riss, aus der Einsamkeit und aus dem Kampf ums Überleben entstehen, nur erahnen.“

 

Diese Kinder müssen einen großen Teil der Entwicklung, der noch im Mutterleib stattfinden sollte, bereits in der „richtigen“ Welt durchlaufen. Dass es da Unterschiede gibt, steht außer Frage. Zum Beispiel findet im achten Schwangerschaftsmonat eine starke Differenzierung der weißen Hirnsubstanz statt, jenem Teil des zentralen Nervensystems, in dem der Informationsaustausch zwischen den Hirnregionen stattfindet. Wissenschaftler der Washington University in St. Louis haben Hirnaufnahmen von Neugeborenen und Frühgeborenen verglichen. Es zeigten sich deutliche Unterschiede in eben dieser weißen Substanz. Betroffen waren Areale für Aufmerksamkeit, Kommunikation und Emotionen. Frühgeborene Kinder kommen extrem „reizoffen“ zur Welt, da der Prozess der Differenzierung der Nervenzellen nicht abgeschlossen werden konnte. Dadurch lässt sich erklären, dass viele Frühgeborene – auch wenn sie älter sind – sehr empfindlich auf Reize reagieren, seien es Geräusche, Lichtverhältnisse oder Hautwahrnehmungen. Nachholen lässt sich die versäumte Entwicklung im Mutterleib nicht mehr. Nur mehr „ausbessern“. Agathe Israel dazu: „Die Amygdala, eine hirnanatomische Region, in der sich frühestes psychisches Erleben bündelt, ‚vergisst nie‘. Das bedeutet, man kann einmal aufgenommene Erfahrungen, die sich in neuronalen Verschaltungen niederschlagen, nie mehr löschen. Aber es können glücklicherweise neue Verschaltungen hinzukommen, die die alten im Ergebnis mildern oder relativieren.“

 

Während manche der späten Frühchen fit genug sind, um nach dem Geburtsschock bei der Mutter bleiben zu können, ereilt die meisten frühgeborenen Kinder ein anderes Schicksal: Sie brauchen intensivmedizinische Betreuung. Und das bedeutet: Sie sind einer Welt ausgesetzt, die so gar nicht ihren natürlichen Erwartungen entspricht. Sie selbst sind „nicht fertig“; ihre Organe funktionieren noch nicht, wobei am stärksten meist die Atmung betroffen ist. Zahlreiche Untersuchungen, Operationen stehen an. Doch sind sie vor allem mit einer überwältigenden Tatsache konfrontiert: mit der Trennung von der Mutter. Mittlerweile konnte umfassend nachgewiesen werden, dass nichts einen Säugling so in Angst und Stress versetzt wie der plötzliche Verlust der Mutter. Gemeint sind Trennungen oder lange Abwesenheiten der Mutter; also Umstände, denen jedes frühgeborene Kind ausgesetzt ist. Das ist traumatisch. Allerdings nicht nur für das Kind …

 

 

 

Eltern im Schockzustand

 

Nachdem ihr Kind zu früh auf die Welt gekommen ist, machen sich Eltern natürlich Gedanken über die Ursachen. Gründe gibt es viele: Infektionen von Mutter und/oder Kind, vorzeitiger Blasensprung, geringer zeitlicher Abstand zur vorigen Schwangerschaft, ungünstiger Plazenta-Sitz, vorzeitige Plazenta-Lösung, Mehrlingsschwangerschaften, minderjährige Schwangere, Schwangere in höherem Lebensalter, Stress- und Angstbelastung während der Schwangerschaft. Oft ist die Ursache aber auch nicht klar, oft geht einfach alles viel zu schnell. Viele Eltern reagieren mit Schuldgefühlen: Hätten wir doch dieses, hätte wir doch jenes … Ohne Zweifel ist die Frühgeburt des eigenen Kindes eine emotionale Ausnahmesituation für Eltern.

 

Es erstaunt bzw. verwirrt mich immer wieder, wie viele Menschen sich die Umstände und Folgen eines Ereignisses solcher Tragweite nicht einmal ansatzweise vorstellen können. Und sich infolgedessen auch nicht in das Leid der Eltern, die zwischen Schuld, Ohnmacht, Überwältigtsein und Angst hin- und herpendeln, hineinversetzen können. Gut gemeinte Sätze wie „Dem Kind geht’s doch dort gut“, „ach, was habt ihr denn, bald werdet ihr drüber lachen“, „das Kind ist doch wunderbar versorgt, was soll ihm fehlen“, „der Peter war auch ein Frühchen, und schau, was für ein Mann er geworden ist“ usw. gleichen einem verbalen Maulkorb für Eltern, die nichts dringender benötigen als das Reden. Als ihre kaum in Worte zu fassenden Gefühle zu verbalisieren. Als einen Zuhörer zu finden, der ihr Leid spiegelt und durch Wertschätzung lindert, statt es zu negieren. Besonders Mütter werden häufig für ihre Gefühle pathologisiert. Mit der Konsequenz, dass sie sich „falsch“ fühlen. Was gewiss nicht zur Genesung beiträgt.

 

Trauma ist keine Krankheit, sondern „festgefahrene Angst“. Kommt diese „raus“ – und das passiert eben, wenn der Betroffene durch einfühlsames Zuhören und in der Wahrnehmung seiner körperlichen Empfindungen unterstützt wird –, lösen sich die Blockaden. Die häufige „Unfähigkeit“ von Familie, Freunden und Krankenhauspersonal, die Heftigkeit der Situation nachzuvollziehen, birgt allerdings zusätzliches Traumatisierungspotential. Dabei wäre es so wichtig, die Eltern frühestmöglich aufzufangen und zu stärken, damit sie wiederum für ihr Kind entlastend und unterstützend da sein können. „Es geht um eine Sofortintervention während der Traumatisierung, damit diese nicht abgekapselt werden muss. Wer nimmt die Ängste und Schuldgefühle auf, versteht die vernichtenden Selbstanklagen oder Vorwürfe? Wer versteht, dass die plötzliche Trennung auch für die Eltern ein Schock ist, den sie mit Abwehrmustern vergeblich aufzufangen versuchen? Die Überwindung des Schocks, das heißt, der Übergang von der Erstarrung in den Fluss der Gefühle, geschieht nicht automatisch. Es braucht einen anderen, der die Situation mitträgt“, so Agathe Israel. „Es braucht einen verstehenden Anderen, der offen für alles ist, was ihm entgegengebracht wird, der sich einfühlend zur Verfügung stellt, der Worte für Zustände findet, die unaussprechbar schrecklich erscheinen. Dieser ‚menschliche Leih-Container‘ sollte für die Eltern genauso wie die ausgezeichnete Technik von Anfang an zur Verfügung stehen. Dazu sind Zeit, Raum, Bereitschaft und Personen nötig, die in der Regel eine Intensivstation noch nicht bieten kann.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Leben auf der Intensivstation

 

Was aber genau „bietet“ eine neonatologische Intensivstation? Zunächst kann man sich eine Räumlichkeit mit „Versorgungseinheiten“ vorstellen, also mit Inkubatoren – kleine durchsichtige „Räume“ mit zwei Öffnungen, durch welche Eltern oder Personal die Hände schieben können – und Wärmebettchen mit technischen Anlagen. In der Regel bleiben die Kinder so lange im Inkubator, bis sich ihre Körperfunktionen einigermaßen stabilisiert haben. Danach wechseln sie ins offene und somit zugänglichere Wärmebettchen, das ihnen ausschließlich bei der Regulierung ihrer Körpertemperatur hilft. Oft liegen Tücher über den Betten zum Schutz vor dem grellen Stationslicht. Die Babys sind verkabelt. Damit werden Herz- und Atemfrequenz sowie der Sauerstoffgehalt im Blut überwacht. Manche Kinder haben Atemmasken zur Unterstützung, andere werden mechanisch beatmet. Ein Monitor neben jedem Bettchen signalisiert kleinste Abweichungen durch auffälliges Piepen. Die Ernährung erfolgt – soweit verfügbar – mit Muttermilch über eine Sonde, die entweder durch die Nase oder den Mund gelegt wird. Zur Beruhigung bekommen die Kinder Zucker direkt in den Mund. Außerdem erhalten sie einen Infusions-Cocktail. Ein Bestandteil davon ist Coffein, um die Atmung „anzukurbeln“. Antibiotika sind auch fix im Programm. Schließlich wird der Darm von Frühgeborenen nicht mit jenem gesunden Bakteriumsspektrum besiedelt wie jener von Reifgeborenen. In deren Darm tummeln sich meist potentiell pathogene Bakterien. Und aufgrund der oft vorliegenden Darmunreife gelangen diese schnell ins Blut und verursachen Infektionen. Was es wohl bedeutet, während der Entstehung der Darmflora gleichzeitig deren Vernichtung zu erleben?

 

Neben der Betreuung und Pflege durch Krankenschwestern werden die Babys regelmäßig von Ärzten untersucht. Blutabnahmen und Hirnröntgen finden routinemäßig statt. Studien sprechen von bis zu 50 Eingriffen täglich während der ersten vierzehn Tage auf der Intensivstation! Noch heute sieht man an Händen und Füßen meines Sohnes kleine, weiße Narben der zahlreichen Einstiche. Wie sich wohl das häufige, schmerzhafte Gepiekst-Werden für so einen jungen Menschen an? Wie wirken sich die zahlreichen Röntgenuntersuchungen aus? Welchen Stress verursacht das ständige Piepen der Monitore, das Läuten von Telefonen, die vielen Stimmen fremder Menschen? Wie kann ein kleiner Mensch das verarbeiten, noch dazu ohne Mutter und Vater an der Seite? Auch wenn sich das Personal um die Kinder bemüht und allein durch die Verpflegung und Untersuchungen mit diesen oft in Kontakt kommt, so sind die Babys dennoch viele, viele Stunden sich selbst überlassen. Körperlich unterstimuliert sozusagen. Seelisch sind sie das sowieso. Agathe Israel dazu: „Es ist schmerzlich, weil wir mittlerweile wissen, wie überlebensnotwendig die einfühlsame Nähe eines anderen Menschen ist, der die Isolation aufnimmt, die Qualen der heftigen Körpervorgänge mildert.“

 

Zwischen den „Bettchen“ befinden sich Sessel für die Eltern. Hier können sie sitzen und sich die Babys – sofern sie schon vom Inkubator in das Wärmebettchen umgesiedelt sind – nackt auf die Brust legen und mit ihnen in Kontakt treten. Die sogenannte „Känguruhpflege“ – also der direkte Körperkontakt zwischen Kind und Mutter/Vater und das Hören und Spüren von Stimme und Atemrhythmus der Bezugsperson – wurde 1979 in Kolumbien entwickelt und in den 1990er-Jahren auch in den deutschsprachigen Ländern eingeführt. Es ist eine bewährte Methode, die Entwicklung frühgeborener Kinder einfach und effektiv zu unterstützen. Und auch die Bindung zwischen Eltern und Kind zu fördern. Grundsätzlich stehen auf der Intensivstation auch Stillberaterinnen, Physiotherapeuten und Psychologen zur Verfügung.

 

 

 

So die Theorie. Und die Praxis?
Allein der Rahmen einer Intensivstation kann dem, was Kind und Eltern emotional brauchen, meist nicht gerecht werden. Zum Beispiel fehlt fast immer die nötige Ruheatmosphäre, etwas Privates für Mutter und Kind. Ein Raum für Intimität, Annäherung, Sich-und-Einander-Finden. Wahrscheinlich gibt es Kliniken, in denen Personal und Organisation das engagierte Ziel haben, die bestmöglichen Bedingungen für die Frühgeborenen und ihre Eltern zu schaffen. Kliniken, in denen Pflegepersonal und Ärzte nicht nur „Versorger“ sind. In denen diese dahingehend gefördert werden, dass sie kompetent mit der psychischen Situation der Kinder und Eltern umgehen können. Und nicht unbewusst abwehrend, abwertend, verleugnend sind – wie es aufgrund von Ressourcenmangel und fehlenden Wissens leider oft der Fall ist. So professionell das Personal oft in Bezug auf medizinische Belange ist, so wenig hilfreich ist es oft für die emotionalen Bedürfnisse von Eltern und Kind.

 

Als mein Sohn vor fünf Jahren aufgrund einer Infektion meinerseits fast sechs Wochen zu früh auf die Welt kam, durfte ich das hautnah erleben. Für Einfühlsamkeit, Auffangen, Einbeziehen, Beraten, Stützen war auf der angeblich besten Wiener Neonatologie leider wenig Platz. Eltern schienen eher lästig, mit ihren Sorgen, ihrem Nachfragen, ihren emotionalen Befindlichkeiten. Als ich meinen Sohn das erste Mal besuchte, sagte seine Betreuerin zur Begrüßung: „Halten können Sie ihn heut‘ nicht. Ich bin froh, wenn er schläft. Er regt sich immer so auf.“ (Dass ich das akzeptierte, lässt sich nur durch meinen Schockzustand erklären.) Das erste Treffen mit ihm verlief demnach neben dem Bettchen stehend, unsicher an ihm herumstreichelnd. Wie am Nebengleis abgestellt. Ohne Ahnung, was meine Aufgabe ist. Zerrissen zwischen „ich fühl‘ mich überflüssig“ und „aber ich will doch etwas tun“. Ich konnte ihn nicht einmal sehen. Sein Gesichtchen war von einer Atemmaske verdeckt. Auch sonst sah ich hauptsächlich Kabel, Pflaster, Kanülen. Am nächsten Tag waren wir glücklicherweise mit einer einfühlsameren Pflegerin gesegnet. Ich konnte umgehend spüren, was das für einen Unterschied machte. Sie erzählte mir kurz von der Känguruh-Methode und half mir, mir meinen Sohn mit all den Kabeln nackt auf die Brust zu legen: „Sehen Sie, wie viel besser er gleich atmet?“ Ihre Worte wirkten wie Balsam. Ein Anflug von Hoffnung. Eine Ahnung davon, dass und wie ich etwas Positives beisteuern konnte in dieser völlig surrealen Situation. Außerdem schenkte sie mir ein Foto meines Sohnes, das sie in der Nacht seiner Geburt gemacht hatte. Das werde ich ihr nie vergessen. War es doch eben jenes Foto, mit dem ich in den folgenden vier Wochen nachts ins Bett ging, fest an mein Herz gedrückt …

 

Was mich unglaublich (über)forderte auf der Intensivstation: Jeden Tag neue Ansprechpartner, jeden Tag andere Anweisungen. Es glich einer Lotterie nach dem Motto: „Welche Schwester „erwische“ ich heute?“ Einmal durfte ich meinen Sohn allein und ohne zu fragen aus dem Bettchen nehmen (was ich aus Angst, irgendetwas in dem „Kabelsalat“ kaputtzumachen, meist eh nicht schaffte); beim nächsten Mal war das eigenständige Herausnehmen strengstens verboten, und ich kassierte einen rüden Tadel. Mal wurde mir gesagt, ich solle das Stillen halt einfach probieren; dann hieß es: „Na des können‘s vergessen. Bevor der nicht über drei Kilo hat, kann er sowieso nicht saugen.“ (Diese Ratschläge erhielt ich übrigens ausschließlich von den Pflegerinnen. Die Stillberaterin sah ich – trotz vieler Versuche meinerseits – das erste und einzige Mal bei unserer Entlassung. Als sie mir die restlichen Muttermilchreserven mit nach Hause gab.). Einmal hieß es, ich solle meinen Sohn nach meinen bescheidenen Stillversuchen wiegen; dann hieß es: „Lassen Sie das Kind doch bitte damit in Ruh‘!“ In den Genuss eines psychologischen Gesprächs kam ich kein einziges Mal. Und drei meiner geforderten und vereinbarten Arztgesprächstermine wurden einfach „vergessen“. Die einzige! Milchpumpe war naturgemäß dauerbesetzt, und meine Aufmerksamkeit war oft mehr auf das Ergattern derselben gerichtet als auf meinen Sohn. Auch durfte ich Zeugin einer sehr unachtsamen „Umsiedelung“ meines Sohnes werden. Die Schwester murkste an den Kabeln mit den nicht gerade beruhigenden Worten herum: „Wenn ich etwas an meinem Job hasse, dann sind es diese Kabel. Die verwurschtle ich ständig.“ In den grell ausgeleuchteten Aufzug schob sie ihn dann, ohne ihm ein schützendes Tuch über die Augen zu legen. Und mit einem Rumpeln und Scheppern, dass mir allein beim Zusehen alles weh tat.

 

Nach fast vier Wochen nahm ich meinen Sohn mit nach Hause, ohne ihn ein einziges Mal gebadet zu haben (das fand immer statt, wenn ich nicht da war, so sehr ich auch um Koordination bat), ohne ihn erfolgreich stillen zu können, ohne einen einzigen vollständigen Tag und eine vollständige Nacht mit ihm verbracht zu haben. Ohne den leisesten Schimmer. Dafür aber mit viel Unsicherheit. Passend dazu gab’s zum Abschied zwischen Tür und Angel eine Schnell-Schulung zum Thema „Wiederbelebung“. Ich denke, unser Weg war holpriger, als er hätte sein müssen. Deshalb wünsche ich betroffenen Eltern und Kindern eine einfühlsamere Begleitung …

 

 

 

Frühgeburt als Chance

 

Der umfangreiche Stress, den frühgeborene Kinder erfahren, geht nicht spurlos an ihnen vorbei. Früher oder später machen sich die fehlende Zeit im Mutterleib und die Erlebnisse danach bemerkbar. Natürlich nicht bei allen Kindern in der derselben Art und Weise, aber dennoch vorhanden. Mögliche Spätfolgen sind: Asthma, Allergieerkrankungen, Beeinträchtigungen des Immunsystems, AD(H)S, Depressionen, erhöhte Suizidgefährdung, Motorikeinschränkungen, Schlafstörungen, Legasthenie, Dyskalkulie, Autismusspektrumsstörungen, Wahrnehmungsstörungen wie vermindertes oder erhöhtes Temperaturempfinden, verminderte oder erhöhte Schmerzempfindlichkeit, gesteigerte Reaktion auf Außenreize wie Geräusche, Licht und Berührungen. Dieter Wolke, Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität Warwick, führte eine Langzeitstudie durch, die erstmals die Persönlichkeit von Frühgeborenen als Erwachsene untersuchte. Das Ergebnis: Kinder, die mit weniger als 1500 Gramm Geburtsgewicht oder vor Ende der 32. Woche zur Welt kommen, sind als Erwachsene häufiger ängstlich, unsicher und introvertiert. Sie scheuen Risiken ebenso wie soziale Kontakte und finden es schwierig, mit anderen locker zu kommunizieren. Je früher die Geburt stattfand, umso ausgeprägter waren die Merkmale. „Es gibt ‚Löwenzahnkinder‘, die brauchen nicht viel, damit es ihnen gut geht. Frühgeborene sind aber eher wie Orchideen. Da müssen alle Rahmenbedingungen stimmen, damit sie sich voll entfalten können“, so Dieter Wolke.

 

Eltern sind natürlich darum bemüht, diese Bedingungen bestmöglich zur Verfügung zu stellen. Daher heißt es für viele Frühchen oft schon sehr bald: Ab zur Therapie. Gewiss machen manche Unterstützungsangebote Sinn, zum Beispiel wenn eine Gehbehinderung durch Physiotherapie verbessert werden kann. Doch helfen wir unseren Kindern wirklich, indem wir ihnen Etiketten umhängen: Du bist Autist, Du hast Legasthenie, Du brauchst Hilfe wegen deiner Aufmerksamkeitsschwäche … Was machen diese Stigmata mit jungen Menschen? Und warum sind diese Klassifizierungen so wichtig (geworden)? Oft sind all diese Maßnahmen nur dann notwendig, wenn die Kinder „in die Gesellschaft eingepasst werden“ – wenn sie also zum Beispiel in den Kindergarten oder in die Schule kommen. Dann wird alles versucht, damit sie nur ja nicht nachhinken; es wird gefördert, gefördert, gefördert. Ist das der Entwicklung ihres Selbstwerts aber wirklich dienlich? Kategorisierung, Sonderbehandlung, Mitleid? Schwächt das diese jungen Menschen nicht eher? Diese unterschwellige Message: „ Mit dir stimmt etwas nicht“. Wäre es nicht sinnvoller, diese Kinder in ihrem Sein zu achten? Sie so anzunehmen, wie sie sind? Nämlich Menschen, wie alle anderen auch. Wunderbar einzigartig. Mit einer einzigartigen Geschichte. Menschen, die den wahrscheinlich schwersten Kampf ihres Lebens bereits hinter sich haben. Menschen, mit ganz bestimmten Erfahrungen am Beginn ihres Lebens. Erfahrungen, die sie prägten und weiter beeinflussen. Menschen, die mit eben jenen Erfahrungen versuchen, ihren persönlichen Weg in ihr persönliches  Leben zu finden. Was sie brauchen – so wie alle anderen Kinder natürlich auch! – ist Zeit, Vertrauen, Wertschätzung. Zeit für ihre persönliche Entwicklung. Zeit zum Heilen. Wer die Geschichte dieser Kinder ernstnimmt und wirklich begreift, kann auch sehr einfach den Zwang des Erziehens aufgeben. Es wird ihm nicht mehr darum gehen, unerwünschtes, spezielles, nicht „genormtes“ Verhalten auslöschen oder korrigieren zu wollen. Stattdessen wird er erkennen, dass jedes Verhalten eine Ursache hat. Einen Grund, den es zu erforschen gilt, anstatt einfach die Symptome beheben zu wollen. Die zum Teil besonderen Verhaltensweisen oder Entwicklungen frühgeborener Kinder sind meines Erachtens eine Chance. Eine Einladung, gesellschaftliche Probleme zu identifizieren. Ein Hinweis auf ein längst anstehendes Umdenken.

 

Die Frage sollte nicht sein: Wie können wir noch unreifere Frühchen „retten“ bzw. wie können wir diese Kinder optimal fördern? Die Frage müsste lauten: Warum eigentlich kommen immer mehr Kinder zu früh zur Welt? Was muss verändert werden, damit diese Entwicklung gestoppt wird? Wie kann zum Beispiel der Gesundheitszustand der Frauen verbessert werden – eine wichtige Voraussetzung für natürlichen Schwangerschaftsverlauf und Geburt. Wie können wir als Gesellschaft für bessere Nahrung und Ernährung sorgen? Wie können wir junge Frauen in ihrer Weiblichkeit stärken, in ihrem Selbstvertrauen? Wie können wir Angst und Stress während der Schwangerschaft reduzieren? Wann endlich wird es verantwortungsvolle Aufklärung geben? Eine umfassende Aufklärung zum Beispiel, wie sich unzureichende Ernährung oder hormonelle Verhütungsmittel im Körper von Frauen und in der Folge auf ihre Schwangerschaften auswirken? Wann werden Frauen endlich zuversichtlich in die anstehende Geburt gehen, anstatt voll Unsicherheit? Wann ist endlich Schluss mit dem gesellschaftlichen Modell „bigger, better, faster, more“? Wann beginnen wir endlich menschenwürdig zu leben?

 

Im Interesse unserer Kinder. Im Interesse der Menschheit. Denn nichts bleibt je ohne Folgen. Es ist ein ewiger Kreis. Frühgeburtlichkeit betrifft immer mehrere Generationen: Zum einen ist bei Kindern einst frühgeborener Eltern die Zeugungsfähigkeit im Durchschnitt vermindert. Zum anderen ist bei einst zu früh geborenen Müttern das Risiko, die eigenen Kinder ebenfalls zu früh zur Welt zu bringen, deutlich erhöht. Und so geht es immer weiter. Bis wir etwas verändern. Es ist schon lange nicht mehr fünf Minuten vor zwölf. Eher fünf Sekunden. Worauf warten wir also? Wir sollten uns damit auseinandersetzen. Besser zu früh …

 

 

 

Literatur:

 

Doreen Grabs: Zu früh geboren – Frühchen-Mütter erzählen. edition riedenburg. 2015

 

Agathe Israel; Björn Reißmann: Früh in der Welt. Brandes & Apsel. 2009

 

Heiko Kuschel: Plötzlich bist du da: Gedichte und Gebete für ein Frühchen. Books on demand. 2012

 

Marina Marcovich; Theresia Maria de Jong: Frühgeborene – zu klein zum Leben? Geborgenheit und Liebe von Anfang an – Die Methode Marcovich. Kösel. 2008

 

Nina Pfister: So klein, und doch so stark – Tagebuch eines viel zu früh geborenen Babys: Eine Frühchen-Mutter erzählt. edition riedenburg. 2014

 

Susan M. Ludington-Hoe; Susan K. Golant: Liebe geht durch die Haut Eltern helfen ihrem frühgeborenen Baby durch die Känguruh-Methode. Kösel. 1994

 

Axel von der Wense; Carola Bindt: Risikofaktor Frühgeburt. Entwicklungsrisiken erkennen und behandeln. Beltz. 2013

 

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